DER HISTORISCHE NVMERVS BRITTONVM

Primäre Aufgabe der Numeri Einheiten war der Schutz des Limes

Zum Begriff Numerus und der Herkunft der Truppenangehörigen

Eine Numerus-Einheit ist eine der kleineren Heeresformationen in der Familie der römischen Auxiliarverbände. Als taktisch selbstständiger Truppenkörper sind sie eine Neuerung des 2.Jhd. n. Chr.

Die sogenannte „ethnische Numeri“, so bezeichnet, weil sie (immer noch) ein traditionelles Gentilattribut in ihrem Namen trägt, die wir als Anknüpfungspunkt für unsere Darstellung gewählt haben, war – entgegen einer unreflektierten alten Forschungsmeinung – keine barbarische Formation, sondern als reguläre römische Militäreinheit aufgestellt.

Neueste Forschungsergebnisse relativieren dieses Zerrbild immer mehr. Dies lässt sich dadurch belegen, dass sowohl aus administrativer Hinsicht, als auch aus dem gefundenen Waffenspektrum eines Numerus-Lagers keine gravierenden Unterschiede zu anderen Einheitentypen zu bemerken sind. So sind Vorurteile einer Numeri-Einheit nationaler barbarischer Herkunft mit leichter Bewaffnung endgültig wissenschaftlich widerlegt. Die Numeri waren vielmehr der Versuch, der größer werdenden Krise der imperialen Grenzsicherung im 2./3.Jhd. Herr zu werden. Ihnen oblag wohl das Gros der eigentlichen Grenzsicherung.

Die Verteilung der Numeri-Einheiten am Limes

Für diese strategische Neuorientierung des Grenzschutzes wurden ab dem 1.Jhd erste Brittonen, wohl 1 600 – bis 2 000, als Freiwillige aus dem reichsrömischen Provinzgebiet im Bereich des heutigen Mittelengland oder Wales, rekrutiert. Die Brittonen-Numeri sind eine Besonderheit des obergermanischen Limes, vor allem in Baden-Württemberg. Zwar ist bisher von ihren Angehörigen kein Zeugnis des römischen Bürgerrechts belegt, doch ist dessen Wert in der äußersten Provinz am Rande des Imperiums fragwürdig, zumal es 213 durch Caracalla umfassend für fast alle Reichsangehörigen proklamiert wurde. Mag die Besoldung der Brittonen zwar in Relation zu anderen Kohorten geringer gewesen sein, so war der Dienst wohl in anderer Hinsicht attraktiver (kürzere Dienstzeiten als üblich?). Zumal sich die Truppe mit – und mehr auch – aus dem Umfeld der obergermanischen Provinz rekrutierte, und so innerhalb einer Generation ihr nationales Gepräge verlor. Nur der Name mag als letzte Reminiszenz geblieben sein.

Nach der letzten Vorverlegung der Grenzlinie vom Odenwald und Neckar an die äußerste Linie wurden auch die Numeriformationen neu verteilt und zum Teil auch zusammengelegt. Die Einheiten, zumeist in Centurienstärke organisiert und verteilt, standen unter dem Kommando von abgeorderten Legionscenturionen, sogenannten Praepositi. Ansonsten weisen die Verbände die übliche Ranggliederung aller Auxiliarkräfte auf (Optio, Cornicen, …).

Das Vexillium unseres Numerus

Belege der NVMERVS BRITTONVM L (—-)

Die Brittonen-Numeri weisen keine einheitliche Benennungspraxis auf, noch werden sie wie Kohorten durchnummeriert. Sie sind in ihren jeweiligen Standorten in (mehrfacher) Centurienstärke organisiert.
Vieles spricht für eine Benennungspraxis, die sich an lokalen Gegebenheiten, wie Flußnamen, orientiert.
Für Welzheim sind insgesamt zwei ursprüngliche Numeriformationen durch Ziegelstempel belegt, wobei nur die „NBL“ sicher als Garnison des Ostkastells anzunehmen ist. Die NBGR oder nach anderer Lesung NBCR ist nicht genau zu lokalisieren und könnte auch im nächsten Kastellort gestanden haben (eventuell entnimmt man daraus den antiken Namen der Rems („Crems“) oder des vorherigen Lagerortes der Lorcher Garnison („Gr-inario“). Der Lokalbezug der NB-L(?) ist momentan nicht sicher zu entschlüsseln, es liegen jedoch einige mehr oder minder stichhaltige Interpretationen vor. So könnte der Eigenname vom nahen Lauf des kleinen Flusses, der modernen Lein (vom römisch-keltischen „Lina“) stammen. Wir haben uns deshalb in der Benennung unserer modernen Gruppe auf den Oberbegriff „NVMERVS BRITTONVM“ entschieden, der einer Bezugnahme und Verbundenheit zur gesamten Strecke – auch in Vertretung für alle NUMERI-Aufgebote Geltung verschafft.

Die Welzheimer „NBL“ scheint mit der Zeit eine gewisse Wandlung an ihrem Standort durchgemacht zu haben. So fand man im Welzheimer Ostkastell in der Schuttschicht westlich des Badegebäudes im Jahr 1894 einen wichtigen Weihestein.

Die Inschrift des Belegssteins des Numerus Brittonum

Seiner Inschrift nach:
Iovi Optimo Maximo et PRO SALUTe DOMINORum IMPeratorum Marcus OCTAVIVS SEVERUS Centurio LEGionis VIII AUGustae PRAEPOSITus BRITtonum ET EXPLoratorum

Dieser wurde von einem abgestellten Legionscenturio in seinem neuen Rang als Praepositus für Juppiter gestiftet. Er war damit der militärische Befehlshaber der Brittonen und der zusätzlich hier stationierten Kundschaftereinheit (Exploratores). Dieser Stein, auf den wir unsere Darstellung stützen, kann bloß über die Widmung einigermaßen datiert werden (Inkludierung der Kaisersöhne in die Widmung). Dann käme entweder eine Frühdatierung in die Zeit von Marc Aurel und Lucius Verus (162-168 n.Chr.) in Frage oder eine – wahrscheinlichere – Spätdatierung in die Severerdynastie (ca. 211 n.Chr.)

Wenn es sich hier um eine offizielle Nennung handelt, ist der frühere Lokalbezug im Namen inzwischen aufgegeben worden. Womöglich ist die Einheit recht bald nach Vorverlegung mit einer oder mehreren anderen Numeri-Einheiten zusammengefasst worden. Die Größe des Kastells (1,6 Ha) macht gar eine Besatzungsgröße von bis zu 400 Mann möglich.

Das Schicksal der Einheit

Über den weiteren Verbleib unserer Einheit liegt noch der schweigende Mantel der Geschichte. Sie wird nach Aufgabe der vorderen Limeslinie und der Rücknahme der Grenze an den Rhein nicht mehr in den Quellen greifbar. Viele der Limestruppen sind Stück für Stück an andere Brennpunkte des Reiches verlegt worden. Ein einziger Hinweis könnte das jüngste und letztbekannteste NVMERUS BRITTONVM (Antonianiarorum?) in Niederbieber sein. Hier handelt es sich um eine Eliteeinheit, stationiert in einem 5,6 ha großen Kastell. Diese aus mehreren Truppen zusammen gefaßte Einheit könnte auch die Heimat vieler Welzheimer „Brittonen“ geworden sein. Die Einheit wurde wohl in dem Bürgerkrieg zwischen Postumus und Gallienus dort vernichtet.

Aufgaben
Unsere Numeri besaßen vermutlich ein, für am Limes stationierte militärische Verbände, typisches Aufgabenspektrum:

  1. Aufbau und Instandhaltung der Limesanlagen (Kastellanlagen, Türme, Grenzsystem)
  2. Wachdienst, Kontrolle der Grenzübergänge und dazu das tägliche Training, Abstellung für Sonderaufgaben und regelmäßige Manöver.

Die NVMERI- Verbände sollten an einem wichtigen Abschnitt der Grenze die anderen Auxiliartruppen bei ihrer Aufgabe entlasten (nirgendwo sonst ist die Militärpräsenz dichter als am südlichen Abschnitt des obergermanischen Limes). Mit der Beifügung der teilberittenen Kundschafter wurde das Aufgabenspektrum auch jenseits des Limes im Hinblick auf eine präventive Sicherung des direkten Vorfeldes ausgedehnt.

Weiter bildet die exponierte Stellung des Ostkastells (das einzige Kastell, das außerhalb der eigentlichen Limeslinie liegt) begründeten Anlass für stete Spekulationen über die Rolle unserer Einheit an der äußersten Linie Roms.

Wichtigste, maßgebliche Literatur zu den Numeri:
Reuter, Marcus, Studien zu den Numeri des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit, in: Bericht der Römisch- Germanisch Kommission 80, 1999 (2001) 357 ff.

Weitere Literatur

  • Davies, Roy W., Service in the Roman Army, Edinburgh 1988.
  • Davies, B, The daily life of the Roman soldier under the Principate, in: ANRW II, 1 Berlin 1974, S 299-338.
  • Scheuerbrandt, Jörg (2004), Exercitus. Aufgaben, Organisation und Befehlsstruktur römischer Armeen während der Kaiserzeit. (Provinzialrömische Studien 2, Remshalden 2006)